Auf ein Wort – Otto Becker

30. April 2014

Spitzenreiter werden gemacht

Über große Siege und erste harte Jahre als Bundestrainer, über die Perspektivegruppe in Warendorf und über die Nachwuchsförderung im westfälischen Reitsport sprachen wir mit Otto Becker, dem Bundestrainer der deutschen Springreiter.

Herr Becker, Sie zählten zu den erfolgreichsten deutschen Springreitern. Warum zogen Sie 2008 nach dem Sieg beim Großen Preis in Hannover einen Schlussstrich, um ins Trainerlager zu wechseln?

Otto Becker: Das Jobangebot kam 2008 für mich überraschend. Aber – der deutsche Reitsport steckte damals in der Krise. Die olympischen Spiele in Hongkong hatten uns mit Dopingvorwürfen konfrontiert, so dass das Vertrauen in den Reitsport wieder aufgebaut musste. Für mich persönlich war das eine echte Herausforderung. Den Zeitpunkt, meine aktive Laufbahn als Reiter zu beenden, hielt ich als damals 50-Jähriger nach Hannover auf dem Höhepunkt meiner Karriere für genau richtig.  

Mittlerweile steht der deutsche Reitsport wieder sehr gut da. Wie haben Sie das gemacht?

Otto Becker: Das habe ich nicht alleine gemacht, sondern im Team zusammen mit Heiner Engemann, den anderen Bundestrainern, den Reitern und dem Verband. Wir haben uns damals offen und ehrlich den Fragen der Öffentlichkeit gestellt, das war nicht immer angenehm. Und wir haben hart gearbeitet. Die Erfolgsbilanzen unserer langjährigen Reiter können sich gut sehen lassen. Darauf ruhen wir uns aber nicht aus. Wir engagieren uns ganz stark in der Jugendarbeit. Denn, bis die Nachwuchsreiter auf dem Niveau unserer Weltklassereiter sind, kann es Jahre dauern.

Warum glauben Sie, befindet sich ausgerechnet hier in Westfalen der Talentschuppen des deutschen Reitsports?

Otto Becker: Westfalen ist traditionelles Reiter- und Pferdeland mit einer hohen Leistungsdichte. Wir haben hier viele sehr talentierte Nachwuchsreiter. Eine natürlich gewachsene Bodenständigkeit schafft hier die stabile Basis für den Reitsport, gepaart mit Ehrgeiz und der notwendigen Offenheit für eine erfolgreiche Pferdezucht. In Münster und dem Münsterland geht es mal konservativ, mal jung und lebendig zu, aber eben nicht überdreht. Auch meine Frau und mich hat übrigens genau diese gesunde Mischung hierher gezogen.

Das Potential ist das eine, aber aus den jungen Talenten erfolgreiche Paare zu formen, das andere. Was macht eine erstklassige Jugendförderung aus?

Otto Becker: Damit die jungen Reiter das Siegen überhaupt lernen können, ist es wichtig, dass sie auf den jeweils für sie geeigneten Turnieren Erfahrungen sammeln. Nur wer den Druck kennen lernt, kann ihn auch beherrschen lernen. Und, indem wir sie für die Turniere melden, steigt die Motivation der meisten Reiter ganz entscheidend. Hier sind insbesondere die Jugendserien oder auch zum Bespiel der ‚Preis der Besten’ in Warendorf entscheidende Wettkämpfe, bei denen sie sich in ihrer Altersgruppe messen und beweisen können.
Wir kümmern uns aber auch über den Reitsport hinaus. In Warendorf bieten wir zusätzlich eine Perspektivgruppe an, in der junge Leute neben der intensiven Reiterausbildung parallel eine klassische Ausbildung bekommen.

Und dazu braucht es Geld…

Otto Becker: Genau. Der gesamte Reitsport lebt von Sponsoren und Mäzenen. Insbesondere die Reiter und Turnierveranstalter sind auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Da sind die westfälischen Jugendserien, so wie der Juniorenförderpreis der Provinzial Versicherung Gold wert – im wahrsten Wortsinn. Hier haben so erfolgreiche Reiter wie Christian Ahlmann, Markus Ehning oder Felix Hassmann angefangen, bedeutende Schleifen und Medaillen zu sammeln. Der zusätzliche Anreiz für die jungen Reiter liegt bei den einzelnen Serienetappen, wie zum Beispiel beim Juniorenförderpreis hier in Balve, darin, dass sie Punkte für das große Finale beim Turnier der Sieger in Münster sammeln können.

Wir wünschen Ihnen und den deutschen Reitern weiterhin viel Erfolg und freuen uns mit Ihnen auf die Weltreiterspiele in der Normandie im Spätsommer dieses Jahres. Vielen Dank!


Text: Doris Röckinghausen, Provinzial

2000 gewann Otto Becker mit seinem legendären Schimmelhengst Dobel’s Cento bei den Olympischen Spielen in Sydney mit der Mannschaft Gold, im selben Jahr entschied er den Großen Preis in der Aachener Soers für sich, gewann 2002 das Weltcup-Finale in Leipzig sowie 2004 im olympischen Athen in der Mannschaftswertung Bronze. Unzählige weitere Erfolge machten den gelernten Winzer zu einem der erfolgreichsten deutschen Springreiter. Mit fünfzig Jahren sattelte Otto Becker um und ist seit 2009 Cheftrainer der bundesdeutschen Reiterequipe. Seit 2004 betreibt der gebürtige Großostheimer eine eigene Reitanlage in Albersloh bei Münster.